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Titel: "Die Position von gestern in Frage stellen" - Georg
Schöllhammer im Gespräch mit dem Kunsthistoriker und -kritiker
Helmut Draxler
Autor: Georg Schöllhammer
Quelle: Springerin, Hefte für Gegenwartskunst, Band
VIII, Heft 1
Springerin, Hefte für Gegenwartskunst,
Band VIII, Heft 1
"Die Position von gestern in Frage stellen" -
Georg Schöllhammer im Gespräch mit dem Kunsthistoriker und
-kritiker
Helmut Draxler
Georg Schöllhammer
english
Georg Schöllhammer: Der Anlass dieses Gesprächs sind drei
aktuell von dir erschienene Publikationen.[1] Ich
finde, man kann sie parallel lesen, weil sie aus einer Gemengelage
entstanden sind, die einen bestimmten
historischen Moment sehr gut beschreiben. Die eine, "Gefährliche
Substanzen", ist eine große Studie über
Kunstkritik bzw. der Versuch, eine anti-idealistische Kunstkritik
vor ihren eigenen ParteigängerInnen zu
retten und das Motiv der kritischen Kunst in einen gegenwärtigen
Diskurs einzuschreiben, der sich der in
diesem Diskurs verborgenen Dialektik bewusst ist. Das Buch heißt,
glaube ich, auch deswegen "Gefährliche
Substanzen", weil es um das Vermischen der großen Motive
eines universalistischen Paradigmas und dessen
Auflösung in den Avantgarden der 1960er und 1970er Jahre bzw.
dessen Rekontextualisierung seit den
1980er Jahren geht.
Das zweite Buch ist der Arbeit von Fareed Armaly gewidmet, der mit
seinem Auftreten in der Kölner Szene
Ende der 1980er Jahre vieles zum Wanken gebracht und mit seinen Diskurshintergründen
für andere
Konstellationen auf dem Spielfeld gesorgt hat. Das Buch unternimmt
unter anderem den Versuch, die
Motive einer substanziell lokalen Praxis und einer substanziell kontextuellen
Praxis in ein Paradigma kritischer
Kunst einzuschreiben, das sich in den 1990er Jahren ganz anderen
Motiven zugewandt hat. Es wird sehr
schön beschrieben, wie sich die neuen Essentialisierungen, die über
die Antiglobalisierungsbewegung oder
die Diskurse der italienischen Operaisten Eingang in die Kunstwelt
gefunden haben, gegen die
Eigentlichkeiten spreizen, mit denen kritische Kunst in den 1980er
Jahren begonnen hatte, auch formal,
über bestimmte Motive nachzudenken.
Deswegen ist es wohl auch kein Zufall, dass daraus die Ausstellung "Shandyismus" entstanden
ist, die sich
um ein ähnliches Motiv gruppiert – einerseits eine Gruppenausstellung,
andererseits auch eine thematische
Ausstellung, die nicht verleugnet, eine Gruppenausstellung zu sein,
für die auch sehr wichtig ist, dass sie
von einer Motivik vielschichtiger Rekontextualisierungen des Paradigmas
der Form handelt.
Du meintest einmal, dass du als Kunsthistoriker in einem Umfeld groß geworden
bist, in dem das
Aufbrechen eines ganz bestimmten Paradigmas sehr wichtig war, und
dass für dich immer wieder neue
Formen von Diskursen bedeutsam wurden, sich aber nie die Möglichkeit
geboten hat, die verschiedenen
"Haufen" untereinander in eine Beziehung zu bringen.
Was waren das für "Haufen"? Und wie hängen
die
drei Bücher für dich nun zusammen?
Helmut Draxler: Dass diese drei Bücher jetzt gemeinsam vorliegen,
hängt auch mit ein paar Zufällen
zusammen. Der Armaly-Band hat sich beispielsweise aufgrund von Finanzierungsproblemen
ein wenig
verspätet. Im "Substanz"-Buch hingegen ist ein Aufsatz
wiederabgedruckt, der aus dem Jahr 1987
stammt. Ich hatte ihn damals in Wien vor 400 KunsthistorikerInnen
vorgetragen, und die reagierten alle mit
Schweigen. Deshalb dachte ich, ich muss das Ganze noch einmal schreiben,
auch um mich selbst noch
einmal zu versichern, worum es mir damals eigentlich gegangen war.
Ich hatte das Gefühl, dass da etwas
liegen geblieben war, und das ist sicher einer der von dir genannten "Haufen".
In der Zwischenzeit habe ich viele andere Dinge als nur Kunstgeschichte
gemacht – Ausstellungen kuratiert,
mich an politischen Projekten beteiligt oder mich intensiv mit psychoanalytischen
Fragen beschäftigt. Es
ging ja immer auch um eine Art des Suchens – etwa die Position
von gestern in Frage zu stellen und noch
einmal weiter zu gehen, also letztlich stets möglichst radikal
zu sein. Dieser Gestus produziert Energie, kann
einen aber auch leicht ins Abseits führen. Plötzlich, Ende
der 1990er Jahre, hatte ich dann das Gefühl, dass
meine Geschichte aus lauter losen Enden besteht und dass ich diese
wieder stärker zusammenführen muss.
Dahinter steht auch ein theoretisches Problem, nämlich hinsichtlich
der Form, in der man sich das Politische
gewissermaßen subjektiv überhaupt aneignen kann. Ein Teil
der Argumentation in "Gefährliche
Substanzen" zielt darauf, dass es ein bestimmtes Element innerhalb
der gängigen Auffassungen des
Politischen gibt, das eine Aufhebung des eigenen Anspruchs auf "Politizität" beabsichtigt.
Und zwar
insofern, als Kunst und Politik als essenzielle Einheiten begriffen
werden, die – durchaus wechselseitig – als
Projektionshorizonte für ein Eigentliches dienen, das dem eigenen
Bereich jeweils rigoros abgesprochen
wird. Nun stellen Kunst und Politik zwar unterschiedliche soziale
Felder dar, doch geht es in ihnen um
ähnliche Dinge. Es geht in beiden um Macht, und es geht in beiden
um symbolisches und reales Kapital,
das jeweils auch ganz ähnlich verhandelt wird. Das heißt,
zwischen Kunst und Politik gibt es vielfache
Überlagerungen, und ich denke, dass der Zugang, den wir in den
1990er Jahren gesucht haben, nämlich
das Ganze auf eine Entweder-Oder-Entscheidung hin zuzuspitzen, selbst
ein problematischer war. Und zwar
deswegen, weil er eine Trennung der Bereiche voraussetzt oder für
möglich hält, die in der Form gar nicht existiert. Das eigentliche Interessante ist doch, wie sich die beiden
Bereiche überlagern und wie dabei der
Austausch zwischen Symbolischem und Realem stattfindet. Und aus dieser
grundsätzlichen Konstellation
heraus haben sich die drei Bücher eher parallel nebeneinander
entwickelt, wobei sie sich doch immer wieder
aufeinander bezogen.
Schöllhammer: Etwas, das die drei Publikationen verbindet, ist
das Plädoyer für eine radikale Pause; für ein
Rekontextualisieren der Begrifflichkeiten oder ästhetischen
Motive in die eigene Logik hinein, um
gewissermaßen die gegenseitige Instrumentalisierung der beiden
Sphären in den Griff zu bekommen und
nicht von einem reinen Hier und einem reinen Dort auszugehen. Damit
hängt wahrscheinlich auch der
Rückgriff auf das 18. Jahrhundert zusammen. Warum "Tristram
Shandy"?
Draxler: Das Moment der Pause finde ich sehr wichtig, und es ist
ja auch mit ganz vielen Diskursformen der
letzten Jahre verknüpft – ich denke etwa an Bartlebys "I
prefer not to", also besser gar nichts zu tun als
zur Warenakkumulation beizutragen, wie Alain Badiou das nennt. Aber
so gut finde ich das auch wieder
nicht – im emphatischen Sinn nichts zu tun. Auf der anderen
Seite gibt es eine Logik, die auch innerhalb
des kritischen und des politischen Diskurses am Werk ist, die im
Prinzip nichts anderes ist als die Diskurse
innerhalb der etablierten Kunstwelt oder innerhalb akademischer Welten,
wo ganz bestimmte
Produktionsideale eingehalten werden, zu reproduzieren. Man hat ja
selber ständig daran Anteil. Diese
Produktionslogiken sind mittlerweile extrem verschärft, und
es wurde noch viel zu wenig darüber reflektiert,
wie diese Diskursmaschinen oder Produktionsmaschinen – um das
ein wenig deleuzianisch zu sagen –
eigentlich funktionieren. Deswegen plädiert das "Substanz"-Buch
am Ende auch für einen leichten
Dilettantismus; nicht für einen wirklichen Dilettantismus, aber
für einen Dilettantismus, der fragt, wie man
mit solchen Produktionslogiken umgehen kann, die einen ständig
zu noch mehr Produktion, einem noch
besseren Funktionieren innerhalb vorhandener Vorgaben drängen.
Die Frage stellt sich daher, wie man sich
Räume schaffen kann, die auch diese Logiken zumindest ansatzweise
in Frage stellen.
Ich denke, die entscheidende Argumentation, und das ist die Schnittstelle
des "Substanz"-Buches mit
dem "Shandyismus"-Thema, ist genau dieses Element. Der "Shandyismus" setzt
dort an, wo sich die Frage
stellt: Was ist das eigentlich, was hier passiert? Was mache ich
eigentlich hier als Ausstellungsbesucher?
Kann ich das Objekt, das hier gezeigt wird, überhaupt von seiner
Präsentationsform unterscheiden?
Welche Produktionsform liegt dem zugrunde? Welcher Sinn wird hier
generiert? Das fand ich sehr
interessant am "Tristram Shandy", nach dem Motto: Machen
wir es weiter so wie die Apotheker, die eine
Mixtur in die andere schütten, um die nächste daraus zu
ziehen. Ist das die Produktionsform? Oder gibt es
eine Pause, in der die Unterbrechung produktiv gemacht wird und etwas
Neues entstehen kann? Ein
Raum, der vielleicht nicht unmittelbar durch institutionelle und
diskursive Logiken besetzt ist und in dem
eine kategorische Unsicherheit um sich greift.
Schöllhammer: So wie Onkel Toby, der das Gelenk der Tür
nicht schmiert, damit sie weiterhin knarzt und er
so über die Eigentlichkeit der Tür auf dem Laufenden bleibt.
Ich fand die Ausstellung letztlich auch deshalb
so spannend, weil sie die großen Versuche, also auch das Zitieren
des "Tristram Shandy", als leeres
Referenz-Ding oder Vorläufer der Moderne selbst wieder in Frage
stellt. Die Ausstellung ist klar an einen
Produktionsraum gebunden, der viel mit der Secession zu tun hat – sie
knüpft beispielsweise an die großen
thematischen Ausstellungen, die dort stattfanden, an. An die Wittgenstein-Ausstellung
etwa, die wie
andere Ausstellungen in der Institutionsgeschichte aufgenommen wurde
und sich selbst kommentieren
kann. Oder die Ausstellungen von Michael Krebber und Christopher
Williams, die als Motive in der
Ausstellungsarchitektur vorkommen. Eine Methode, die sich hier abzeichnet,
scheint jene zu sein, dass man
sich von allen Abstraktionen wegzubewegen und darzustellen versucht,
wie man dieses Feld für sich
einrichten könnte, und wie ein mögliches Feld für
einen solchen Diskurs überhaupt ausschauen soll.
Diesbezüglich war "Shandyismus" für mich auch
ein Modell, wie man von der Abstraktion zu einer ganz
konkreten Praxis übergehen kann.
Draxler: Das ist ein interessanter Punkt, der mich schon länger
beschäftigt. Wie kann man es vermeiden, sich
der Illusion hinzugeben, dass man es mit einem tatsächlichen
White Cube, also einem neutralen Raum, zu
tun hat? Natürlich ist jeder White Cube ein historischer Raum,
ein ganz spezifisch historischer Raum, der
durch viele Dinge geprägt ist. Er ist nicht so "böse",
dass man ihn unbedingt abschaffen muss, sondern es
geht darum, wie man mit ihm arbeiten kann, wie man ihn adressieren
kann, als eine Bedingung, der man
letztlich die eigenen Ressourcen verdankt. Die vielen Referenzen
auf andere Ausstellungen schaffen eine
solche Möglichkeit, den Raum historisch zu zeigen, die eigene
Geschichte und Autorschaft in eine
Auseinandersetzung mit anderen Geschichten und Autorschaften zu führen.
Die Ausstellung wollte also
eine Art mehrdimensionalen Bezugsrahmen herstellen, innerhalb dessen
die einzelnen Elemente stets in
mehrere Bezugssysteme gleichzeitig eingebunden sind, also an die
institutionelle Situation, die Architektur,
das Wanddesign, die Hängung etc., woraus sich ein kategorisch
unsicherer Status der Objekte ergeben
sollte.
Ein anderer wichtiger Punkt beim "Shandyismus" war für
mich, der Fantasie, die man entwickelt, wenn man
so ein Buch liest, einfach nachzugehen. Wobei normalerweise ja die
unglaubliche Fülle an Sekundärliteratur,
die es beispielsweise zu "Tristram Shandy" bereits gibt,
lähmt. Ich habe ja nicht einmal ein Zehntel davon
gelesen, und es wäre auch vollkommen unmöglich, jetzt plötzlich
seriös in die "Tristram
Shandy"-Forschung einzusteigen. Man würde sofort zum Spezialisten
werden müssen. Genau darum geht
es nicht. Vielmehr muss man diesen Spezialistenstatus vermeiden und
sich das Ding aus der eigenen,
eigentlich dilettantischen Position heraus aneignen. In den Expertendiskurs
einzusteigen, in die
Professionalisierung, habe ich in den meisten Fällen tatsächlich
immer als ein Dead End erlebt. Etwa in der
Auseinandersetzung in den 1990er Jahren um Urbanismus, der für
uns ja sehr wichtig war, oder um
Gentechnologie, wo die Leute gemeint haben: "Wir als Laien
mischen uns da ein! Das ist ein wichtiger Punkt der Auseinandersetzung: Gerade weil wir uns nicht auskennen,
ist es wichtig, die Stimme zu erheben
und die Projekte zu machen." Allerdings hat das dazu geführt,
dass die Leute innerhalb kürzester Zeit
selbst zu Experten wurden, sich total eingearbeitet haben in die
Diskurse und dann nur noch zu dem einen
Thema Projekte gemacht haben – wodurch etwas Entscheidendes
verlorenging. Diesen wichtigen Punkt
wollte ich ansprechen. Und zwar in dem Übermut, ein Thema wie "Tristram
Shandy", einen Klassiker der
modernen Literatur mit so und so viel tausend Bibliografieseiten,
herzunehmen und zu sagen: Okay, wir
betrachten das jetzt einmal als Modell für die eigene Herangehensweise.
Wie wähle ich aus? Was finde ich
gut? Welche Argumente entwickle ich dazu? Welchen Beziehungsrahmen
kann ich dazu aufbauen? Es geht
doch darum, aus der Beliebigkeit der ungeheuren Informationsmengen
herauszutreten und ein spezifisches
Begehren zu entwickeln. Das konnte man schon immer gut von bestimmten
KünstlerInnen lernen. Auf
diese Art ist etwa auch Fareed Armaly in der "Shandyismus"-Ausstellung
präsent, obwohl er gar nicht daran
teilnahm, nämlich als jemand, der mich etwa mit seiner Begeisterung
für Jack Goldstein und Robert Frank
angesteckt hat.
Schöllhammer: Man kann sagen, dass aus dem Wissen um die Ambivalenzen
und aus der Notwendigkeit,
auf so einer kleinen Ausstellungsfläche eine These zu entwickeln,
ein eigenes Format entstanden ist, das
sich gegen die Konventionen richtet. Oder mit den Konventionen des
Gegenkonventionellen gegen die
Konventionen. Es gibt ja Konventionen des Gegenkonventionellen, und
leider sind die Ausstellungshäuser
heute voll davon. Dagegen scheint sowohl im Buch als auch in der
Ausstellung immer wieder versucht
worden zu sein, gleichsam mit dem Format "Monet als Postkarte" ein
weiteres Mal nachzudenken und zu
fragen, was denn eigentlich an Medialisierung alles schon vorhanden
ist. Dies ist sowohl – der Untertitel
lautet ja "Autorschaft als Genre" – eine ganz feine
Kritik am Kuratorenwesen als auch ein
Rückeroberungsversuch der Autorposition für den Kurator
wie für den Künstler, gleichzeitig aber auch ein
Hinweis auf die Mediiertheit von all dem. Dies scheint mir eine ganz
große Leistung der Ausstellung gewesen
zu sein, dass das nicht nur anhand einer These versucht, sondern
auch dialektisch gegeneinander
ausgebreitet wurde. Deutlich wird dies auch, wenn man sich das Layout
vergegenwärtigt, von der
Typo-Wahl bis hin zu ganz feinen Bruchunterschieden, dem Wechsel
zwischen Farb- und
Schwarzweißabbildungen und dem, was ein referenzielles Bild
im Text ist, zwischen dem, was ein
kuratorisches Argument hätte sein können, und dem, was
die Ausstellungsrealität eigentlich war.
Diesbezüglich würde mich interessieren, ob diese Art von
Kuratieren – du hast das ja zehn Jahre nicht mehr
gemacht – auch als Reflex auf das gegenwärtigen Kuratieren
entstanden ist. Als Methode des Kuratierens
als Autorschaft.
Draxler: Tatsächlich gibt es relativ wenige kritische Auseinandersetzungen
mit dem Produktionsmodus des
Kuratierens, die nicht gleichzeitig Ausdruck genau dieses Produktionsmodus
sind. Auf der anderen Seite
war es mir aber auch immer wichtig zu sagen, dass es nicht nur diese
eine Identität als Kurator für mich
geben kann. Als Medium, in dem ich meine Quellen aufarbeiten kann,
funktioniert zum Beispiel das
Unterrichten für mich viel besser als das Kuratieren. Das erarbeitete
Wissen lässt sich besser in
unterschiedliche Produktionsformen einspeisen. Damit lässt sich
die Haltung vermeiden: Ich bin jetzt ein
Kurator und fahre herum in der Welt und wähle die Besten, die
Crème de la Crème, aus – was Yvonne Rainer
schon in den 1980er Jahren als "separation of creme" bezeichnet
hat. Das war für mich immer ein ganz
wichtiger Begriff, der die institutionelle Logik verkörpert.
Wenn ich ein Kurator bin und beanspruche, das
Beste vom Besten zu zeigen, dann leiste ich zwar etwas, weil ich
ja auch etwas auswähle und öffentlich
mache, aber gleichzeitig verkörpere ich das auch und kann keine
Differenz mehr herstellen zu der Logik
dieses Funktionierens. Auch die Institutionskritik kann man sich
nicht einfach auf die Fahnen heften wie ein
Label. Wenn man sie ernst nimmt, ist man gefordert, die eigene Institutionalisierung
mitzureflektieren: Wie
funktioniere ich in solchen Strukturen? Selbst progressive Medien
können das oft gar nicht leisten, und
auch innerhalb unserer eigenen Diskussionszusammenhänge gibt
es immer wieder massive
Auseinandersetzungen, inwiefern die eigene Karriere, die eigene Position,
aus der gesprochen wird,
mitreflektiert werden muss oder kann.
Das wäre eben der Unterschied zu einem Gestus des Politischen,
bei dem man das Problem immer bei den
anderen verortet, sozusagen Empörungspolitiken produziert, die
auch immer wieder ihren Sinn haben und
wichtig sind. Aber sie stellen nur eine Seite der Politik dar. Die
andere Seite lautet natürlich: Wie bewege ich
mich in diesem Feld? Welche neuen Hierarchien stelle ich her? In
welche Machtverhältnisse schreibe ich mich
ein? Und wie kann ich mit diesen umgehen? Und da, denke ich, ist
es für eine kuratorische Position sehr,
sehr wichtig, zumindest ansatzweise zu versuchen, das ein wenig offener
zu halten. Was wir mit der
"Shandyismus"-Ausstellung auch versucht haben – beispielsweise
indem einige Teilnehmende als eine Art
von SubkuratorInnen agierten und eigene Klein- bzw. Mikroausstellungen
innerhalb des gesamten Settings
entwickelten. Es sollte ein Modell sein, das ein wenig wuchert, wo
die Ränder ausfransen. Es ist letztlich
nicht auf die totale Kontrolle angelegt, sondern eher darauf, dass
es eine Struktur gibt, worin ein
Austausch möglich ist und innerhalb dessen sich die Beteiligten
auch einigermaßen wohl fühlen sollten.
Schöllhammer: Wenn man ein wenig über die Feldgrenzen hinausblickt,
beschreibt dies auch das Schisma
einer allgemeinen Produktionslogik, unter der wir alle leiden. Entscheidungen
werden ja nicht nur im
Kunstbetrieb genau in dieser Form getroffen. Es ist ein schönes
Motiv sowohl im "Shandyismus" als auch
in deiner theoretischen Position zu sagen, es gibt aus dieser Totalität
und aus diesem Widerspruch
überhaupt keinen Ausweg. Da können wir uns nicht einfach
dagegenstellen und eine kritische Position zu
ihr einnehmen. Die einzige Chance liegt darin, die inneren Widersprüche
und institutionalisierten
Zusammenhänge, in die wir gezwungen werden, auszuhalten. Könntest
du dir vorstellen, so etwas zum
Beispiel in einem Museum zu machen?
Schöllhammer: Wenn man ein wenig über die Feldgrenzen hinausblickt, beschreibt dies auch das Schisma einer allgemeinen Produktionslogik, unter der wir alle leiden. Entscheidungen werden ja nicht nur im Kunstbetrieb genau in dieser Form getroffen. Es ist ein schönes Motiv sowohl im "Shandyismus" als auch in deiner theoretischen Position zu sagen, es gibt aus dieser Totalität und aus diesem Widerspruch überhaupt keinen Ausweg. Da können wir uns nicht einfach dagegenstellen und eine kritische Position zu ihr einnehmen. Die einzige Chance liegt darin, die inneren Widersprüche und institutionalisierten Zusammenhänge, in die wir gezwungen werden, auszuhalten. Könntest du dir vorstellen, so etwas zum Beispiel in einem Museum zu machen?
Draxler: Ehrlich gesagt nicht. Ich glaube, dass es auf einer musealen
Ebene um ganz andere Formen des Arbeitens geht. Ich interessiere mich eher dafür, diese Logik
wieder stärker in andere Felder hineinzutragen,
etwa in die Auseinandersetzung mit dem Feld des Politischen, mit
der Psychoanalyse etc. Ich denke, dass in
den letzten Jahren innerhalb der Psychoanalyse sehr viele interessante
Modelle entwickelt wurden, die ein
Denken in polaren Oppositionen auf eine interessante Art und Weise
in Frage stellen. Deswegen würde ich
meinen Ansatz eher dorthin zurücktragen wollen, oder eben in
den Politikbereich, wo es mehr um die
konkreten Formen des Politischen gehen müsste und nicht ausschließlich
um den Inhalt, der artikuliert
wird.
Man sieht dies beispielsweise an einem Denker wie Slavoj Zizek, etwa
an seinen Arbeiten aus den späten
1980er Jahren wie "The Sublime Object of Ideology" – da
geht es genau um dieses Aufknacken
festgefahrener Diskurslogiken. Aber wenn er jetzt immer wieder diesen
radikalen Bruch, den "großen
Sprung" einfordert, dann kann ich ihm nur ganz schwer folgen.
Dass er starke Thesen in den Raum wirft,
steht in Relation zu dem Bedarf des Diskursfeldes Theorie. Darin
zeigt sich auch eine bestimmte Form der
Politik, und ich denke, es ist wichtig, sich damit wesentlich kritischer
auseinanderzusetzen. Welche Formate
werden da verhandelt? Diesbezüglich könnten Kunstinstitutionen
ganz interessante Orte sein. Wichtig
wäre aber – und das ist ein großes Problem –,
nicht wieder ganz ausschließlich in diesem einen Feld zu
landen, wodurch viele Möglichkeiten der Bezugnahmen erneut problematisch
werden.
Die unterschiedlichen Diskursformationen miteinander in Zusammenhang
zu bringen ist schwierig, weil der
Ausgangspunkt, das Kunstfeld, wie jedes andere soziale Feld auch,
seine eigenen Logiken hat. Das macht
es sehr schwer, in andere Sphären hineinzukommen. Die Frage
lautet: Wie könnte so ein Transfer aussehen?
Wie kann man Dinge adressieren, damit sie auch anderswo ankommen,
und wie kann man die Engpässe, die
dabei entstehen, vermeiden? Dies ist für mich die Hauptherausforderung,
dass die Diskurse nicht irgendwo
hängenbleiben und daraus ein Modell der neuen Institutionalisierung
entsteht. Die Ebene einer Kunsthalle
wie der Secession auf eine Museumsebene zu tragen, ist meiner Meinung
nach nicht sehr viel versprechend.
Interessanter ist da schon zu fragen: Wie sieht das eigentlich in
anderen Bereichen aus? Wie kann man
einen produktiven Dilettantismus auch dort einzubringen versuchen?
Und welche Chancen hat man, damit
auch dort sichtbar zu werden? Das Problem ist natürlich, dass
der Kunstbereich genau jene Ressourcen
zur Verfügung stellt, mit denen man solche Dinge machen kann.
Andere Bereiche tun das nicht. Die warten
nicht darauf, dass man mit irgendeinem spinnerten Projekt daherkommt.
Schöllhammer: Ich verstehe deine Antwort dahingehend, dass man
Paradigmen, die schon erobert waren,
wieder aufgegeben hat, wie zum Beispiel das Psychoanalytische. Dieses
scheint insgesamt zu einer
sozial-technologischen Figur verkommen zu sein, obwohl es nach wie
vor sehr hilfreich sein könnte. Warum
ist dem so, dass diese Transfers von dort nach da so schwierig sind,
und dass jetzt eine kantenscharfe,
holzschnitthafte, materialistische Kritikfigur attraktiv geworden
ist, wie sie in der
Antiglobalisierungsbewegung am Werk ist? Wenn man die Geschichte
der Linken betrachtet, so war diese
zumeist weicher, und es war auch in der Kunst viel mehr möglich
als heute.
Draxler: Das ist tatsächlich das entscheidende Motiv, um das
es geht. Es hat mit unserem postmodernen,
dekonstruktiv-diskursanalytischen Zugang aus den 1980er Jahren zu
tun. Dieser war deshalb so
faszinierend, weil er auf einer bestimmten Ebene theoretisch immer
Recht gehabt hat, weil er die
Essentialisierung von Kategorien vermeiden oder zumindest verflüssigen
konnte und seine Gegner mit einem
bestimmten Vokabular relativ einfach fertig machen konnte. Sobald
man Derrida ein bisschen verarbeitet
hat, ist das kein großes Problem. Aber die Frage bleibt natürlich,
wo Derrida selber gelandet ist, was er sich
ja selbst oft anhören musste: Was ist das für eine Form
von Praxis, die Dekonstruktion? Wie kann man
dekonstruktive Praxis selber wieder produktiv machen? Und läuft
sie nicht – was Derrida oft vorgeworfen
wurde – auf eine totale Entpolitisierung hinaus? Oder führt
das radikal Spezifische des Intellektuellen nicht,
wie bei Foucault, zu sehr obskuren Objekten der Begeisterung, etwa
für die Iranische Revolution? Ist
demgegenüber nicht ein universeller Intellektueller wie Sartre,
der den ganzen politischen Irrsinn bis in die
letzte maoistische Splittergruppe hinein mitmacht, irgendwie immer
auf der richtigen Seite? Ich denke, dass
diese Fragen keineswegs einfach zu beantworten sind, dass diese unterschiedlichen
Positionen mehr
reflektiert werden müssen, insbesondere was es heißt,
im politischen Sinn eine dekonstruktive Position
einzunehmen. Aber natürlich auch, was es heißt, eine solche
Position zu vermeiden und essentialisierende
Positionen einzunehmen im Sinne der Multitude, wie das Negri und
Hardt machen, was einen großen
Mobilisierungseffekt hat. Dies leistet politisch sehr viel, wenn
gesagt wird, Multitude ist möglichst spontan
organisiert, und alle, die irgendwie institutionell arbeiten wollen,
sind eigentlich nur ein Hindernis dafür.
Worin liegen letztlich die argumentativen und die politischen Implikationen
auf der einen Seite und worin
auf der anderen – das zu vergleichen, wäre tatsächlich
sehr spannend. Demgegenüber finde ich es äußerst
unbefriedigend, wenn aus rein taktischen Gründen ein Konzept
von politischer Pädagogik in Anspruch
genommen wird und Dinge eingefordert werden, die meiner Meinung nach
unglaublich selbstläuferische
Qualität haben und in ihren Konsequenzen gar nicht richtig abschätzbar
sind. Deswegen denke ich, dass
man danach fragen müsste, wie man die Auseinandersetzung führen
könnte, damit die unterschiedlichen
Vor- und Nachteile der jeweiligen Diskursfiguren klar ersichtlich
bleiben, man aber trotzdem im Austausch
bleibt.
Das war für mich auch das Hauptproblem in dem "Substanz"-Buch:
Wie kann man eine Kritik an
anti-idealistischer linker Theorie formulieren, wie kann man sie
kritisieren und ihren Dead Ends nachgehen,
ohne sofort in einer konservativen Position zu landen? Von konservativer
Seite wird das ja immer wieder
gemacht, von wegen die "Illusionen der Linken" und so
weiter. Noch schwieriger war aber, dass an solcher
Kritik ja durchaus etwas dran ist. Es gibt innerhalb des linken Selbstverständnisses
tatsächlich Dinge, die
einigermaßen bescheuert sind, sei es in der Art von Selbstsicherheit
oder von Diskursnaivität oder auch im
Übersehen des eigenen Anteils, den man in der Herstellung des "bösen" Anderen
hat. Trotzdem muss man
eine Form von differenzierter Kritik versuchen, und zwar auf der
Ebene einer letztlich solidarischen Kritik – um
hier eine essentialistische Megakategorie einzuführen. Aber
es geht dabei um Elemente, die man zwar selbst wieder dekonstruieren kann und die dennoch Grenzwerte darstellen,
an denen man sich auch fragen kann,
was eine reine Dekonstruktion bringen soll. In dieser Hinsicht sind
die Position der Aussage und der
gesellschaftliche Ort, von dem aus ich spreche, entscheidend. Deshalb
zielen die "Gefährlichen Substanzen"
auch keineswegs auf die Abschaffung der anti-idealistischen Ästhetik.
Es geht nicht darum, zu sagen, Peter
Bürger hat einfach nicht Recht gehabt, sondern darum, zu fragen,
was die Bedingungen waren, unter
denen die Theorie der Avantgarde formuliert wurde und was sich daraus
heute ableiten lässt. Wie könnte
man sie heute formulieren – das ist gewissermaßen der
Anspruch: Theorien dieser Art fortzusetzen und
fortzuschreiben. Und sie in unterschiedlichen kulturellen und politischen
Settings auch praktisch zu
erproben.
1 Der Text basiert auf einem Gespräch, das anlässlich
der Präsentation des Katalogbuchs zur Ausstellung
"Shandyismus – Autorschaft als Genre" am 3. September
2007 in der Wiener Secession stattfand. Dank an
die Gesellschaft der Freunde der Secession.
1 Vgl. Helmut Draxler, Gefährliche Substanzen. Zum Verhältnis
von Kritik und Kunst, Berlin 2007; Helmut
Draxler, Die Gewalt des Zusammenhangs. Raum, Repräsentation
und Referenz bei Fareed Armaly, Berlin 2007
(beide Bücher sind in der Reihe PolYPen bei b_books erschienen);
sowie Helmut Draxler (Hg.),
Shandyismus. Autorschaft als Genre, Katalogbuch der gleichnamigen
Ausstellung in der Wiener Secession
und im Kunsthaus Dresden, Stuttgart 2007 (Verlag Merz & Solitude). up
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