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Titel: Grenzmarken
Autor: Josephine Pryde
Quelle: Texte Zur Kunst, 1999, 197-201

 

 

Texte Zur Kunst, 1999, 197-201

 

Grenzmarken
Fareed Armaly "From/To", Witte de With, Rotterdam, 28. Jan. bis 31. März 1999
Josephine Pryde

Der Name Fareed Armaly steht für detailreiche Ausstellungsprojekte wie "(re)Orient" (1989), "Contact" (1992), "Brea-kd-own” (1993), "Mix" (1996) oder "Parts" (1997). Mit seinen Untersuchungen über Bedingungen künstlerischer und (pop-)kultureller Produktion gehört der jüngst zum Leiter des Stuttgarter Künstlerhauses ernannte Künstler zu den Pionieren eines erweiterten Kunstbegriffs. Entscheidend war dabei immer auch die Frage nach kultureller Identität.

Armalys jüngstes Projekt "From/To" zielt auf eine imaginäre Kartografie "Palästinas". Es setzt dabei auf einen Betrachter, der sich ganz auf seine Perspektiven einlässt. „From/To ist eine Kartografie, bei der dieTeilnehmer ein zeitgenössches Topos erfassen und im Gedächtnis behalten: "Palästina". (Aus der Broschüre)

Schon im ersten Ausstellungsraum, bei meiner ersten Betrachtung — noch, ohne einen Blick in die Broschüre geworfen zu haben — wurde mir klar, dass keine Möglichkeit bestand, alles Material anzuschauen, aus dem sich, das Projekt "From/To" zusammensetzte. Obwohl die Wahrscheinlichkeit groß war, dass ich durch den Besuch der Ausstellung ein gutes Verständnis von "Palästina" bekommen würde, gab es viel zuviel zu lesen, zu viele Websites zu öffnen, zu viele Videokassetten, zwischen denen man wählen musste - es schien unmöglich, sich einen vollständigen Überblick zu verschaffen.

Mehr noch, das gleichzeitig stattfindende "Rotterdam Film Festival" bot ein Forum für weitere Vorführungen und Diskussionen, über den Verlauf des Projekts an. Der Umfang der Arbeit brachte mich an den Rand eines leisen, schleichenden Gefühls von Panik. Wie sollte ich durch die Stunden, die vor mit lagen, navigieren?

Angesichts der scheinbar endlosen Menge an dicht angesammelten Informationen strahlte das Projekt nichts desto trotz eine entschiedene Zuversicht aus, was die Gestaltung des institutionellen Raums betraf. Die Räumlichkeiten selbst erschienen nicht überfüllt. Der matt-blasse olive-braune Boden war mit geraden weißen Linien markiert, die die Räume des Witte de With miteinander verbanden und an verschiedenen Punkten zusammentrafen, bevor sie weiterliefen oder an einer Wand endeten. Auf den Linien waren Namen von Orten vermerkt, vor jedem Namen stand entweder das Wort "From" (von) oder das Wort "To" (nach).. Von Sidon. Nach Sidon. Von Al Jawfah, Amman. Nach Al Jawfah, Amman, Entfernungen waren nicht angegeben. Dies war keine Reproduktion eines geografischen Lageplans. Es war auch kein vom Künstler kapriziös eingezeichneter Pfad, der als Wegweiser durch die Ausstellung dienen sollte. Wie ich las, stammte das Muster dieser Linien von einem Teil eines digitalisierten Steins und war auf den Boden übertragen worden. Der Stein war zur Hälfte fotografisch und zur anderen Hälfte als digitalisiertes Netz auf dem Cover der Broschüre mit der gleichen olive-weiss-schwarzen Farbgebung abgebildet. Der unscheinbare Stein lässt zahlreiche Assoziationen auf Landschaften, Bauwerke und Materialien zu, von denen das Layout von "From/To" abgeleitet ist. Sein digitales Bild liefert dem Ausstellungsmacher Knoten- und Ausgangspunkte, Linien von Abflug und Ankunft, im Netzwerk, einen Anker - der Anspruch, dass dies die Logik der Webseite, realisiert im Maßstab von Architektur, verkörpern soll, ist nicht überzogen. Es ist eine geschickt umgesetzte Logik, ohne Rückgriff auf Modellbauerei oder überreizte Analogien, und sie stellt eine physikalische Struktur zur Verfügung, die gut aussieht und zugleich die Richtung der Besuchernachfragen bestimmt.

Es gab eine Menge zu lesen. Schon der erste Satz machte einige Beziehungen deutlich: ""From/ To" ist ein Projekt von Fareed Armaly in Zusammenarbeit: mit den Teilnehmern und dem Witte de With." Das Projekt stammt von Fareed Armaly. Er ist, sozusagen, der künstlerische Urheber der Arbeit, aber ein normatives Verständnis von Fareed Armaly als Quelle aller Ideen in dieser Ausstellung wird mit dem Statement zur Seite geschoben dass dieses Projekt in Zusammenarbeit mit den Beteiligten entstanden ist. (Während dieser Satz auf nette Art das Feld der Aktivitäten umschreibt, riskiert er gleichzeitig das Offensichtliche zu konstatieren. Könnte das Projekt ohne die Mithilfe der Teilnehmer zustande gekommen sein? Wahrscheinlich nicht. Weiterhin bleibt unklar, ob die Beteiligten von Armaly oder von der Institution zur Teilnahme aufgefordert wurden oder ob sie sich selbst vorgeschlagen haben. Auch wenn die meisten auf verschiedene Weise zu dem Projekt kamen, so bestünde doch die Möglichkeit mitzuteilen inwieweit der Künstler an der Auswahl der Gestaltungselemente des Projekts beteiligt war.) Und das Witte de With, Kunstinstitution und Ausstellungsort, ist kein Teilnehmer, sondern ein Kooperationspartner. Die merkwürdige zeitgenö?ssische Tendenz (vor allem in England), Kunstinstitutionen eine freundliche Identität oder Persönlichkeit zu verleihen, ob aus Marketing oder anderen Gründen, wurde hier glücklicherweise vermieden.

Die Texte, die einen Aspekt der von Armaly organisierten Struktur der Ausstellung darstellen, sind wichtig, einerseits wegen ihrer Inhalte, andererseits wegen der Art und Weise, in der Armaly sie in visuelle Bestandteile des Projekts umzusetzen versteht. Manchmal kann die Prosa die Spannung, die durch die systematische Anordnung der Räume entsteht, nicht aufgreifen, die sie eigentlich. beschreiben sollte. "Solch ein Rahmen erfordert zum Beispiel eindeutig die Realität als komplexe Übertragungen von Identität zwischen den Generationen anzuerkennen," ist eine etwas schwerfällige Aussage. Aber sehr oft erinnert die Sprache an das Credo von theoretischen Schriften mit verführerischen Behauptungen wie „Raum ist ein differenziertes, nicht-statische, wechselhaftes Ganzes" und entfachtem Feuer in den Augen des Künstlers. Der Text ist eine Vision, und es wird glaubhaft, dass es Armaly gelungen ist, nicht nur den konzeptuellen Inhalt, sondern auch den syntaktischen Wert solcher Sätze durch die Umsetzung der Worte in die Struktur dieses Projekts zu realisieren. Diese sichere Entschlossenheit von Struktur und Idee macht es möglich, dass die Beiträge der Teilnehmer/innen miteinander, kommunizieren können. Das ist kein geringer Erfolg. Armaly trägt mit seiner Wahl der Materialien und Ausstellungsform nicht zu einer Wiederholung von evokativen Assoziationen bei, sondern stellt eine Syntax direkt aus den Texten und Konzepten der Ausstellung her. Ein gutes Beispiel dafür ist das Zitieren einer neueren Arbeit von Stuart Hall (auch wenn uns nicht gesagt wird, wo wir diese Arbeit finden können), die vom Ersetzen der "roots" (Wurzeln) durch de "routes" (Wege) im Sinne einer Identität in der Diaspora spricht. Die Wege werden hier in der Komposition der Räume sichtbar gemacht.

In diesen Räumen, die durch die architektonischen Textkompositionen definiert werfen, befinden sich an der Wand angebrachte Displays von Bildern und audiovisuellen Arbeiten, Vitrinen mit Postkarten, ein sauber abgeteilter Filmprojektionsraum, der durch einen schweren Vorhang vom übrigen Teil der Ausstellung getrennt wird, und zahlreiche kleine Podeste, auf denen die Besucher/ innen einen Computer bedienen oder Videos ansehen können.

Das Projekt legte großen Wert auf Aktualität, Die als Teil des "Rotterdam Film Festival" organisierten Filmvorführungen und Diskussionen verdeutlichen das. Filmfestival spielen mit dem Motto des "gerade hier, gerade jetzt" bei der Abwicklung von Veranstaltung und Gesprächsrunden, durch die Notwendigkeit; des Zuschauers seine Zeit einzuteilen, um Eintrittskarten zu besorgen, Filme zu verpassen und dafür andere zu sehen und sich mit seinen Bekannten zu unterhalten, die wegen des Festivals in der Stadt sind. Es war ein — um die Broschüre zu zitieren — "günstiges" Event, das dazu beitrug, die Präsentation im Witte de With weniger als statische, historische Wiederholung zu rezipieren.

Ich sah mir Filme von Rashid Masharawi, Sobhi Zobaidi und Abdel Salam Sehadeh an. Bei allen klang gleichermassen der Rhythmus von Lebensläufen an, die in Flüchtlingslagern verbracht wurden. Der Zuschauer, der gerade aus dem Witte de With in die Filme kam, konnte so die räumlichen Bedingungen begreifen, auf die hier im Sinne einer realen Welt von drei Flüchtlingsgenerationen Bezug genommen wird. Zobaidis Film "My Very Primate Map" (Meine ganz persönliche Landkarte) zeigt eine Szene, in der Filmemacher gerade den unter israelischer Kontrolle stehenden Teil Jerusalems passieren will, um seinen Film weiter zudrehen, und mit den Worten abgewiesen wird, dass er wiederkommen solle, wenn er verheiratet sei, dann hätte er vielleicht bessere Chancen, die Durchgangserlaubnis zu erhalten. Grenzen sind immer Orte von zumindest unterschwelliger Angst. In diesem Fall ist die Angst ein Bettler vor dem Grenzposten, und die eigentliche Grenze wird als Teil der Situation dargestellt, dass es sich um ein umkämpftes Gebiet handelt.

Nach der Filmvorführung gab es eine Diskussion, die ich wegen meines Rückfluges nach London vorzeitig verlassen musste. Aber bevor ich ging, begann sich ein Disput zwischen einer Zuschauerin, die offenbar für das Filmprogramm eines israelischen Filmfestivals verantwortlich war, und den Filmemachern, insbesondere Rashid Masharawi, zu entwickeln. Es ging um ihre Haltung zur Aufnahme oder zum Ausschluss von palästinensischen. Filmemacher/innen in oder aus ihrem Programm. In dem Moment, in dem diese Fragestellung vor dem Hintergrund dieser Kombination aus Filmfestival und europäischer Kulturinstitution aufgebracht wurde, erlangte sie sofort Wichtigkeit. Es ist eine Auseinandersetzung, die wahrscheinlich genauso wenig in einer Diskussion nach einem Film beigelegt werden kann wie das Problem israelische Häuser auf palästinensischem Land zu bauen, in der Zeit, wenn diese Kritik ein Jahr alt ist, gelöst sein wird. Dennoch ist es eine beruhigende Vorstellung, dass der Moment ihres Auftauchens und Ihres Durchdiskutierens vor diesem Publikum hier einen Einfluss auf ihre Fortsetzung am Ort der andauernden Streitigkeiten haben könnte.

Was könnten tatsächlich die Auswirkungen dieser enormen Ansammlung von Arbeiten, die im Kontext von "From/To" zu sehen sind, auf die weitere Tätigkeit der Teilnehmer/innen sein? Was wird an den Schauplätzen passieren, wenn sie dort erst einmal ihre Arbeiten als Ergebnis ihrer Teilnahme vorgestellt haben? Das Projekt als Ganzes scheint mehr zu bewirken, als nur die Grenzen der Beziehungen zwischen Künstler/innen, Beteiligten, Kulturinstitutionen und Orten bzw. Situationen, die in den Arbeiten dargestellt sind, zu verschieben. Es geht darüber hinaus und macht sich zunutze, wie solche Verschiebungen erreicht werden und was ihr Potential sein könnte. Das legt nahe, dass die Rezeption der Arbeiten nach Rotterdam als "Werke-in-Rotterdam" von grundlegender Wichtigkeit und politischem Wert ist. Das Risiko besteht allerdings darin, dass ein Projekt wie "From/To" in erster Linie als ein didaktisches verstanden wird, auch wenn ihm die Genauigkeit dekonstruktiver Methoden zugrunde liegt. Der künstlerischen Gestaltungskraft, die sich durch die Organisation und das Erscheinungsbild dieses Projekts zieht, gelingt es jedoch, dieses Risiko zu umgehen and zugleich die Entwicklung ihres ästhetischen Credos mit einer Suche nach Wahrheit zu verbinden.

(Aus dem Englischen von Uta Grosenick)