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Titel: Netzwerke der Erkenntnis
Autor: Dietrich Heissenbüttel
Quelle: taz No. 6920 vom 3.12.2002, Seite 15, 333 Zeilen (TAZ-Report)
taz No. 6920 vom 3.12.2002, Seite
15, 333 Zeilen (TAZ-Report)
"Netzwerke der Erkenntnis"
Dietrich Heissenbüttel
english
Das Labyrinth der Repräsentationen durchqueren: Nirgends
dazuzugehören, sagt der Künstler Fareed Armaly, kann eine
große Freiheit eröffnen. Seine komplexen Installationen verknüpfen
konkrete Topografien mit der Frage ihrer medialen Darstellung
Der Grenzübergang von Kalandia, zwischen Ramallah und Jerusalem,
aufgenommen im Frühjahr 2002. Menschen, die warten, und Panzer:
"Checkpoint" hieß einer der drei Räume in Fareed
Armalys großer Documenta-Installation "From/To". Das
Video stammte von dem palästinensischen Filmemacher Rashid Masharawi.
An der Wand hingen zwei Landkarten.
"Diese Karten zeigen nicht einfach nur Land, sondern die Kontrolle
von Infrastruktur: Wasser, Signale, Elektrizität etc.", erklärt
Armaly. "Sie entstanden während der Verhandlungen in Oslo.
Es gab damals keine Karten, alle hatten Angst, sich festlegen zu müssen.
Wenn man diese Karten einfach nur in ihrer Struktur betrachtet, zeigen
sie ein Labyrinth. Ein Labyrinth ist dazu gemacht, etwas zu verbergen.
Es gibt ein Geheimnis, und die Angst, es könnte entdeckt werden,
daher die Checkpoints, die von einer Seite dieses Geheimnis bewachen."
Okwui Enwezor hatte Armaly ausdrücklich dazu eingeladen, das bereits
1999 im Rotterdamer Witte de With gezeigte Projekt für die Documenta
zu aktualisieren. Denn die damaligen Hoffnungen auf den Friedensprozess
waren inzwischen zu Staub zerfallen. Kurz nachdem Masharawi den Grenzübergang
aufnahm, rückten die Panzer in die Palästinensergebiete vor.
"Es war sehr mutig von Enwezor, das zu machen", sagt Armaly,
"er hat viel Kritik einstecken müssen. Aber meine Arbeit greift
niemanden an." Masharawis Kamera zeigt keine gewalttätigen
Szenen. Von einem fixen Standpunkt beobachtet sie das Geschehen. Teilnahmslos
zeigt sie eine Situation, die für Palästinenser aus Ramallah
zum Alltag gehört.
Armalys Vater stammt aus Palästina, seine Mutter aus dem Libanon.
Doch während Masharawi im Flüchtlingscamp Schati zur Welt
kam, in Ramallah ein Filmhaus leitet und unter anderem in Palästina
ein Kinderfilmfestival veranstaltet, bei dem im vergangenen Jahr 90.000
Besucher gezählt wurden, ist Armaly selbst in den USA geboren und
aufgewachsen. "Ich habe ein großes Problem damit, wenn ich
als arabischer Künstler angesprochen werde", bekennt er. "Ich
bin Amerikaner. Aber niemand ist einfach amerikanischer Abstammung,
die Ureinwohner einmal ausgenommen. Amerikaner muss man werden, du musst
einen Entscheidungsprozess durchmachen."
Armalys Eltern sind Mitte der Fünfzigerjahre nach Amerika ausgewandert.
"Die Geschichte der Araber in Amerika verläuft in zwei gegensätzlichen
Richtungen. Bis in die Sechzigerjahre versuchten alle, sich zu assimilieren.
Danach gab es eine Deassimilation." Dieses Hin und Her zwischen
Identifikation und Abgrenzung prägte Armalys Jugend und zwang ihn,
sich über seinen Standpunkt Gedanken zu machen. "Aber was
als quälend empfunden werden kann, nirgends richtig dazuzugehören,
kann auch eine große Freiheit eröffnen. Das war die Erfahrung
der Achtzigerjahre."
Armaly macht einen Unterschied zwischen Identität und Herkunft.
Wie der jamaikanisch-britische Soziologe Stuart Hall fragt er lieber
nach den routes, nach Wegen in die Zukunft, statt sich nostalgisch nach
seinen roots, der geografischen Herkunft seiner Familie und einer traditionellen
Kultur, zurückzusehnen, die es ohnehin nicht mehr gibt. "Zu
meiner Identität gehört alles, mit dem ich mich identifizieren
kann", sagt Armaly, "auch Musik und Film aus Deutschland aus
den Achtzigern, zum Beispiel, die Neue Deutsche Welle. In Amerika haben
das manche von uns damals gehört, es war eine fremde, unverständliche
Sprache, doch die Musik war interessant, darauf kommt es an." Und
er fügt hinzu: "Aber auch im Falle palästinensischer
Fotografen oder Filmemacher wie Rashid Masharawi stellt sich doch die
Frage: Was bedeutet ,arabisch'? Wir sind ungefähr dieselbe Generation,
er ist etwas jünger. Er ist in einem Flüchtlingslager aufgewachsen
und hat sich bewusst dafür entschieden, in Palästina zu bleiben.
So sind wir in einen Dialog getreten."
Wie in "From/To" webt Armaly in seinen künstlerischen
Arbeiten Netze von Bezügen, die zumeist von einer bestimmten Topografie
ausgehen. So beschäftigte er sich in "Brea-kd-own" (Brüssel
1993) und "Parts" (München 1997) unmittelbar mit der
Architektur der Ausstellungsgebäude, um auf diese Weise nach dem
Ort der Kunst zu fragen, der für ihn nicht an den Wänden des
Museums endet. Bei einer Ausstellung 1992 in Le Corbusiers "Unité
dHabitation" verwies ein Raï-DJ auf das urbane Umfeld des
berühmten Gebäudes. Als Armaly das Projekt zwei Jahre später
in Hamburg vorstellte, beteiligte er jugendliche Sprayer. "Das
Interessante an Kunst ist, dass es sich um ein offenes Feld handelt.
Im Gegensatz zu anderen Bereichen ist die Definition einer künstlerischen
Praxis nicht festgelegt, und genau darum geht es."
Indem Armaly in seine Arbeiten Designer und Architekten, Historiker
und Geografen, Fotografen und Filmemacher mit einbezieht, konstruiert
er Netzwerke der Erkenntnis, die jedoch nicht auf objektives Wissen
ausgerichtet sind, sondern den medial turn vollziehen: Die Kunst besteht
darin, dass diese Beiträge, von ihrer üblichen Zweckausrichtung
befreit, ihre Gemachtheit, ihre Medialität, ihre Darstellungsmittel
enthüllen. Denn hinter der Art und Weise, wie etwas in den verschiedenen
Medien erscheint, verbirgt sich immer eine bestimmte Politik. Armaly
spricht von politics of representation und fügt hinzu: "Ich
frage mich: Was ist dabei die Rolle der Kunst? Es ist ein Vexierspiel,
das kann verwirrend sein, eröffnet aber auch die Möglichkeit,
damit zu spielen."
Ein solches Vexierspiel ist auch ">redirect", eine multimediale
Ausstellung und Veranstaltungsreihe, mit der Armaly seine Tätigkeit
am Stuttgarter Künstlerhaus beendet. Vier Jahre lang war Armaly
künstlerischer Leiter des 1978 von René Straub gegründeten
Hauses. Die dringend notwendige Sanierung des Altbaus aus der Jahrhundertwende
nutzte er, um auch die inhaltliche Struktur grundlegend zu überarbeiten.
"Haus.0" nennt Armaly sein Programm für das Künstlerhaus,
das Ziegelmauern und Website zu einer untrennbaren Einheit verbindet:
Zu den Plug-ins zählt er neben der Internetadresse auch die Ton-
und Filmstudios und die Zeitschriftenbibliotheken des Hauses.
Das Programm definiert die Identität des Hauses: "Das ist
es, worum es an einem Ort wie dem Künstlerhaus geht, eine eigene,
starke Identität aufzubauen, dann kommen die Leute zu dir."
Armaly spricht auch von einem Script, das die Struktur des Programms
definiert, ohne die Art der Anwendung festzulegen. Die Identität
des Hauses besteht einerseits aus den Möglichkeiten, die das Programm
eröffnet, andererseits aus der Geschichte der im Verlauf seines
Bestehens realisierten Projekte.
Einige dieser Projekte aus den letzten Jahren sind nun auch in der Reihe
">redirect" zu sehen und zu hören. Dazu zählt
Rashid Masharawis "Waiting", eine Aufnahme, die auch auf der
Documenta zu sehen war, ebenso wie das Video "Stadtluft" von
Wendelien van Oldenborgh, die das Vordach eines öffentlichen Toilettenhäuschens
als Bühne des alltäglichen Dramas von Wohnsitzlosen begreift.
In allen drei Fällen liegt zwischen Realität und Fiktion nur
eine hauchdünne Grenze.
Genau darum geht es in ">redirect": um die Art und Weise
der Darstellung - nicht unbedingt nur in künstlerischen Arbeiten
-, um die Reflexion kultureller Praktiken und um die Verschiebungen,
die zutage treten, wenn die Dinge ihren Kontext wechseln. Im Mittelpunkt
der Reihe stehen zwei Epoche machende Aufzeichnungen: Jean Rouchs ethnografischer
Film "Les maîtres fous" von 1955 zeigt ein westafrikanisches
Ritual, bei dem die Teilnehmer nicht von traditionellen Göttern,
sondern von den Geistern der Kolonialherren heimgesucht werden. Obwohl
der Film von Priestern des Hauka-Geheimbundes selbst in Auftrag gegeben
wurde, konnten sich in Europa lebende Afrikaner damals mit diesem Bild
von Afrika nicht identifizieren. Das zweite Objekt ist eine riesige
Schallplatte, die 1977 mit der Voyager-Sonde ins Weltall geschickt wurde.
Sie enthält Sprach- und Musikaufzeichnungen aus aller Welt sowie
eine Sammlung natürlicher Geräusche und Tierstimmen.
Zu diesen beiden Dokumenten treten die verschiedenen künstlerischen
Projekte in immer wieder andere Beziehungen. Christian Marclays "Record
without a cover" hebt statt der Tonspur die Kratzer auf der Schallplatte
hervor. John Akomfrah, Gründer des Londoner "Black Audio Film
Collective", verbindet in seinem Film "The Last Angel of History"
anhand der Gegenwelten von Musikern wie Sun Ra, George Clinton und Lee
Perry Raumfahrt und schwarze Kultur. Von dort aus führt ein Weg
zurück zu Isaac Juliens Film "Black and White in Colour"
über die Darstellung Schwarzer im britischen Fernsehen, und schließlich
zu den Dokumentationen des zur Eröffnung der Reihe anwesenden amerikanischen
Filmkritikers Noel Burch über verschiedene Episoden aus der Frühzeit
des Films.
Zuweilen führt die Erörterung der Arbeiten der Reihe ">redirect"
in ein wahres Labyrinth von Geschichten: Wie die verschiedenen Zeichnungen
von Raymond Pettibon und anderen zum Thema Patty Hearst aus der TwoDo
Collection des Aachener Fotografen Wilhelm Schürmann. Sie entstanden
ursprünglich im Sinne eines Product Placement von Kunstwerken in
der beliebten amerikanischen Fernsehserie "Melrose Place",
die wiederum Fareed Armaly und Rainer Kirberg zu ihrem Drehbuch-Workshop
"Melrose Plays" anregte.
Ein Labyrinth? Im Gegensatz zu dem Labyrinth, das noch aus einer früheren
Arbeit in der vierten Etage des Stuttgarter Künstlerhauses auf
den Boden gezeichnet ist, bilden Armalys Netzwerke keine geschlossenen
Systeme. "Ich möchte ein Feld öffnen", bekennt Armaly,
und in Hinsicht auf das Ende seiner Stuttgarter Tätigkeit: "Ich
möchte nichts abschließen. Ich will gehen und alles offen
lassen."
taz Nr. 6920 vom 3.12.2002, Seite 15, 333 Zeilen (TAZ-Bericht), DIETRICH
HEISSENBÜTTEL
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