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Titel: Kulturthema der Woche: Keine Nostalgie
Autor: Alexandra Loges, Soren Harms
Quelle: Hamburger Rundschau, nr. 31, 30.07.98

 

 

Hamburger Rundschau, nr. 31, 30.07.98

 

Kulturthema der Woche: "Keine Nostalgie"
Interview mit dem Künstler Fareed Armaly über den Begriff der Öffentlichkeit und die Zukunft des Femsehens.

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Er lebt an wechselnden Plätzen in Europa und gilt als einer der einflussreichsten Künstler jener Richtung, die Anfang der 90er Jahre als Konzept-Art bekannt wurde. Der Amerikaner Fareed Armaly, 41, wurde für die Jahre 1999 und 2000 zum Leiter des Künstlerhauses Stuttgart berufen und arbeitet zur Zeit an einem Tv-Proiekt in Hamburg.

Hamburger Rundschau: Ihre Arbeit fügt sich ein in das Programm der Kulturbehörde `Kunst im öffentlichen Raum', bei der es um die Produktion mehrerer kurzer Fernsehsendungen geht. Wie definieren Sie Kunst im öffentlichen Raum?

Fareed Armaly: `Öffentlicher Raum’ ist ein sehr weiter und offener Begriff, es existiert keine allgemeinverbindliche Definition. In Hamburg besteht in diesem Zuammenfang eine besondere' Situation. Hier wurde an der Kulturbehörde der Bereich `Kunst am Bau' durch den weitgefassten Begriff `Kunst im öffentlichen Raum' ersetzt. Wenn man bei Behörden in anderen Städten anfragt, gibt es etwas Vergleichbares nicht, und auch mit dem 'öffentlichen Raum' können die wenigsten etwas anfangen. Die Hamburger Kulturbehörde hat mit dem Proiekt, `weitergehen' Künstler und KünstIerinnen eingeladen, die, gerade mit dieser Offenheit operieren sollen.'
lm Zusammenhang mit meinem Projekt unterrichte ich auch im Bereich Medienkultur an der Universität, und arbeite mit den Studierenden dort. Die Teilnehmer an meinem Seminar, die alle unter 30 sind, und für die das duale System von privaten und öffentlichrechtlichen Sendem ganz normal ist, haben lnterviews mit Leuten geführt, die im Nachkriegsdeutschland mit den Anfängen des Fernsehens aufgewachsen sind. Diese Interviews dienen als Ausgangsmaterial für eine Art Reflexion; der Fernsehzuschauer und die Geschichte des Fernsehens.
Beim Fernsehen geht es nicht um Realität, sondern um Realismus. Die Interviews werden daher nicht eins zu eins verwendet, sondern ein Drehbuchautor verarbeitet sie zu Monologen, die dann gelesen werden. Jeder spricht über das Fernsehen und seine individuelle Erinnerung daran. Jeder erzählt eine andere Geschichte. Die Sendungen, die ich produziere, werden zwei Aspekte zeigen: einmal das Fernsehen als Charakter und einmal das Publikum als Charakter. Dabei arbeite ich visuell mit Readymades, die es vom Fernsehen gibt oder die den Femsebbildern entsprechen: Archivmaterialien, TV-Grafikdesign und so weiter. 'Fernsehen als Radio mit Bildern, das greife ich auf.

Rundschau: Und wo bleibt der öffentliche Raum?

Armaly: An diesem Projekt interessieren mich drei Komponenten des `Öffentlichen', zwischen denen ich als Künstler agiere; das öffentlich-rechtliche Fernsehen, die Universität und die Kulturbehörde. Indem ich diese drei zusammenbringe, definiere ich ein neues Arbeitsfeld. Aus dem Projekt, also aus dieser Verbindung, werden die kurzen Fernsehsendungen als Prototypen resultieren, die einen-veränderten Blick auf das `Öffentliche’ diskutieren.

Rundschau: Wie sieht lhr amerikanischer Blick auf das deutsche Fernsehen aus?

Armaly: Ich spreche nur über die Nachkriegskultur in Deutschland, da es hier zu der Entwicklung in Amerika Parallelen gibt als auch grosse Unterschiede. Das Fernsehen ist nur ein Beispiel: In den USA ist es in Tempo und Rhythmus ganz anders, auch spielt die Sprache eine geringere Rolle. Man hat dort eine andere Vorstellung von der Öffentlichkeit als Konsumenten. Es gibt nur Privatsender, und die konstruieren ein Werbefernsehen oder die Nachrichten, in Deutschland dagegen wird die Frage, was Öffentlichkeit ist immer diskutiert.
Ausserdem unterscheidet das amerikanische Fernsehen das Publikum nicht nach Klassen, sondern nach Geschmacksrichtungen, das deutsche Fernsehen agiert aber auch politisch. Der WDR zum Beispiel war den 70ger Jahren, als `Rotfunk' bekannt. Hier konnte ein Genre wie der Arbeiterfilm entstehen. Zum Beispiel konnte Fassbinder eine Familienserie produzieren, deren Protagonisten Fabrikarbeiter waren. Auch wenn viele Arbeiter, wie sich später herausstellte, ihren Arbeitsalltag nicht auch noch im Fernsehen abgebildet sehen wollten, wurden Serien `wie Acht Stunden sind kein Tag’ doch vielfach positiv aufgenommen, zumal etwas ähnliches nie zuvor in den Medien repräsentiert wurde.
In den USA entscheidet nur die Quote über eine Sendung. Eine Situation, der auch die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland durch die Konkurrenz mit den Privaten immer mehr ausgesetzt sind. Sie befinden sich daher an einem Punkt, an dem sie ihre Identität überdenken und ihren Programmauftrag in Abgrenzung zu den kommerziellen Anbietern diskutieren. Dies ist in Deutschland eine interessante und einmalige Zeit. Dennoch findet man bisher kaum, Resultate der internen Debatten im Sinne von einer neuen umfassenden Programmpolitik.

Rundschau: Warum?

Armaly: Vielleicht, weil es sich um eine staatliche Institution handelt. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat aber, wie man am Beispiel der ARD sehen kann, ein neues Design entwickelt, ein neues Erscheinungsbild, das diesen Veränderungen Rechnung trägt. Hier wird häufig die Frage gestellt, warum das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das sich doch über Inhalte definiert, überhaupt so viel Wert auf ein Erscheinungsbild legen muss. Für einen Amerikaner würde sich diese Frage nach den Grenzen zwischen öffentlich-rechtlich und privat niemals stellen. In der Diskussion steht auch, was vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen bleiben muss Die Bildung? Die Nachrichten? Ich mache mein Projekt auch, weil mich Institutionen interessieren, die sich im Wandel befinden, weil ich hier eine Möglichkeit sehe, wie Geschichte und Kunstproduktionen zusammenkommen können. Aber nicht im Sinne von Nostalgie!

Rundschau: Was ist Ihre Idee vom neuen Fernsehen?

Armaly: Fernsehen ist Reflexion. Früher war das Auge das Symbol für das Fernsehen, es trat immer im Logo auf. Das Fernsehen ist aber nicht mehr das Fenster, zur Welt, sondern eine Reflexionsfläche. Die Designer, die das Erscheinungsbild der Programme gestalten und deren Identität verpacken müssen, haben erkannt, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer für Bildung und Qualität stand. Das Privatfernsehen setzt dagegen auf Spezialisierung: nur Sport oder nur Spielfilme, der Bildungsauftrag spielt keine Rolle. Auch Nachrichten konnten jederzeit zu Infotainment verarbeitet werden. Das war in Deutschland eine Tendenz in den 80ger Jahren. Heute will man offenbar wieder Grenzen ziehen zwischen Information und Unterhaltung. Für uns Amerikaner sind, die Nachrichten in Deutschland immer so seriös. Ein Tisch, ein Zettel und das war's.

Rundschau: Aber in Deutschland wird die Tagesschau mehr eingeschaltet als die Nachrichten der Privaten, die sich den öffentlich-rechtlichen allmählich angleichen, nicht mehr so flapsig sind.

Armaly: Das stimmt. Insgesamt lassen sich sehr starke Veränderungen bei den Privatsendern beobachten, Anfang der Neunziger habe ich zum Beispiel die ersten Sendungen von Vox gesehen. Jede Stunde gab es Nachrichten. Und um zwölf Uhr nachts war das Programm zu Ende. Der Sender sieht heute ganz anders aus. Vox vor fünf Jahren das ist eine andere Welt, Vergangenheit. In Amerika kann man sich das Fernsehen von vor fünf Jahren ansehen, da hat sich nichts radikal verändert. In den letzten fünf Jahren, hat sich bei den Privaten in Deutschland unheimlich viel getan. Und die öffentlich-rechtlichen konnten nicht so schnell mitziehen, sie haben aber auch ein Kapital: ihre Geschichte. Dies wird deutlich, wenn man die Archive besucht und mit den Archivleitern spricht.

Rundschau: Es wird demnächst ein Generationswechsel in den Chefetagen der öffentlich-rechtlichen stattfinden. Die jungen Leute die mit Privatfernsehen aufgewachsen sind kommen in Entscheidungspositionen.

Armaly: Ja, genau. Momentan sitzen in den Chefetagen diejenigen, die das Fernsehen als eine feste Grösse kennen. Das ist aber vorbei. Es gibt diesen stabilen Punkt nicht mehr. Dieser Moment sollte als Chance gesehen werden, über Veränderungen zu sprechen und ein neues Selbstverständnis, zu entwickeln. Es gibt in meinen Augen auch Beispiele für den Umgang mit der veränderten Situation der Fernsehlandschaft, die spezifisch deutsch sind. Zum Beispiel werden in den öffentlich-rechtlichen Sendern spezielle Nachtprogramme um drei oder vier Uhr morgens ausgestrahlt. Space Night, eine Auto oder S-Bahnfahrt und so weiter. Das gäbe es in anderen Ländern wie den USA nicht. Jede Sendeminute muss da teuer bezahlt werden. Hier aber hat man erkannt, dass es ein Publikum gibt, das in der Nacht den Fernseher einschaltet, das aber weder informiert noch unterhalten werden will. Das Fernsehverhalten ist um diese Zeit ein anderes. Für mich war das ausserordentlich interessant.
Dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen überhaupt dieses Publikum wahrnimmt und darauf reagiert, ist neu. Früher gab es nachts nur das Testbild, der Programmtag wurde einfach beendet. Diese Nachtprogramme sind deshalb wichtig, weil sie einen neuen Blickwinkel eröffnen: Man sieht nicht die Autobahn, sondern man sieht sich selbst fernsehen.Das Weltall wird zur Fernsehlandschaft, die beliebig mit der Landschaft ausgetauscht werden kann, an der die Bahn entlang fährt oder durch die die Autobahn hindurchführt. Mit dieser Atmosphäre will ich in meinem Projekt arbeiten. Für diesen Sendeplatz am frühen Morgen sind die kurzen Sendungen, die ich produziere und in denen das Fernsehen sich selbst reflektiert, gedacht.

Rundschau: Man kann sich mit dem Fernsehen jeden Tag seine eigene Realität schaffen, weil die Nachrichten und Informationen, die uns erreichen, ja schon selektiert worden sind. Wie manipuliert Fernsehen?

Armaly: Was Sie sagen, scheint mir, eine typisch deutsche Position zu sein. In Deutschland gibt es immer diese Frage nach Wahrheit und Realität. Ein Medienskeptizismus oder -zynismus ist immer spürbar. Natürlich kann alles manipuliert werden. Aber das negative Medienimage in Deutschland ist auffällig. Fernsehen ist Realismus, aber keine Realität. Ich begreife das Fernsehen als einen Informationsfluss, mit dem man arbeiten, den man reflektieren muss.


Die Fragen stellten Alexandra Loges und Soren Marths.