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Titel: Der Synthesizer gewinnt immer
Autor: Christoph Blasel
Quelle:Feuilleton Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.1997, S. 39

 

 

Feuilleton Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.1997, S. 39

 

"Der Synthesizer gewinnt immer"
Kulturtransfer, nicht nur mit Goethe: Fareed Armaly im Kunstverein München
Christoph Blase

 

Die Räume des Münchner Kunstvereins liegen bekanntlich recht idyllisch am Hofgarten über einem langen Arkadengang. Bereits der junge Giorgio de Chirico war, wie jeder kunstsinnige Münchner weiß, von dieser Anlage beeindruckt. Man braucht nur die Augen ein wenig zuzukneifen, und schon befindet man sich in Italien. Dies funktioniert, trotz aller baulichen Veränderungen, seit 1565, als die ersten Arkaden errichtet wurden, bis zum heutigen Tag. Wenn man in München in den Kunstverein geht, der hier seit mehr als 130 Jahren residiert, so geht man immer auch ein wenig nach Italien.

Dieses Phänomen legt der amerikanische Künstler Fareed Armaly seiner Ausstellung zugrunde. Unter dem Titel "Parts" untersucht er das stückweise Erschaffen von Wirklichkeit. Diese mag "woanders herkommen", sie existiert aber in der vorhandenen Form am vorhandenen Ort. Armalys Thema ist der bewußte Transfer von Atmosphären, das Versetzen von Anmutungen einer Originalquelle in andere Situationen, in der Architektur, im Fernsehen, beim Film und in der Musik.

Obwohl die Räume des Kunstvereins leer aussehen, läuft das Unternehmen auf mehreren Ebenen. Die eingängigste bildet der Transfer der dunkelroten Außenfarbe der Arkaden auf die Innenwände im unteren Teil der Ausstellungsräume. Der schlauchartige Eingangsbereich, sonst als Cafeteria genutzt, wurde leergeräumt und wirkt nun wie die Kulisse eines Arkadenganges.

Auf einem Videomonitor wird dazu einerseits die Geschichte der Architektur am Hofgarten und andererseits jene des Kunstvereins seit 1985 erzählt, als ein radikaler Einschnitt die Institution auf eine professionellere und internationalere Basis stellte. Zu hören, aber nicht zu sehen sind die Direktoren, die seither amtierten. Man erfährt, wo sie herkamen und welche Motivation sie nach München trieb. Während die Stimmen berichten, wird auf einem schmalen Streifen am unteren Bildrand eine Bleistiftzeichnung ausradiert. Plötzlich läuft der Streifen umgekehrt, und der Radiergummi erschafft die Zeichnung neu. Alle drei Direktoren kamen von außerhalb, alle drei brachten sehr konkrete Vorstellungen mit, wie ein Kunstraum funktionieren sollte. So gelang es, an diesem Ort eine Kunstrealität zu errichten, die einerseits überregionale Bedeutung bekam, andererseits aber in München nie wirklich Fuß faßte. İ

Steigt man die Treppe zu den großen Ausstellungsräumen hinauf, so stößt man auf einen riesigen Arkadenbogen, nachgebaut aus Hunderten von unterschiedlich gefalteten Pappkartons. Das Konstrukt steht nicht auf dem Boden, sondern hängt, von einer Seilkonstruktion gehalten, schwebend im Raum. Nicht Druck läßt die Architektur statisch werden, sondern Zug. Das rote Seil führt in den Raum dahinter, in dem alte Scheiben vom berühmten Dach des 1972 erbauten Olympiastadions an der Wand lehnen. Zwei Dinge stützen sich gegenseitig: das geliebte Bild des italienisch anmutenden Münchens und das des modernen, das sich bereits wieder in der Restaurierungsphase befindet.

Im dritten Raum schließlich wird das Arkaden-Fernsehprogramm gezeigt, ein wenig versteckt, aber gleichwohl das Herzstück des Projektes. Als Erkennungszeichen führt es einen kleinen stilisierten Arkadenbogen oben links im Monitorbild. Die Sendungen beschäftigen sich mit dem Synchronisieren von Filmen, dem elektronischen Synthesizer-Sound in der Musik und dem Beginn des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Deutschland.

Sowohl 1951, bei der Einführung des ersten Fernsehprogramms, als auch 1963, bei der des zweiten Programms, wurde Goethes "Vorspiel auf dem Theater" gesendet. Filmte man 1951 noch getreu das Bühnengeschehen, so wurde Goethes Spiel 1963 als Fernsehspiel in die Gänge und Produktionsräume eines Funkhauses verlegt. Nach heutigen Maßstäben handelt es sich dabei um den Versuch, die Hochkultur der Bühne in eine mediengerechte Modernität für die Massen zu verpflanzen. Noch ahnte man nichts vom Siegeszug der Soap-Opera. Aber diese Fernsehinszenierung streifte mit den gestelzt vorgetragenen Lebensweisheiten Goethes ungewollt bereits jenes Genre, das erst dreißig Jahre später, weit entfernt vom Anspruch der hohen Kultur, dafür aber massengerecht, zu seiner Hochform fand.

Die beiden anderen Sendungen bestehen aus den Antworten von Interviews, die oft so geschickt geschnitten wurden, daß der Text thematisch von einer Person zur anderen ohne Bruch durchläuft. So entstanden zwei große Erzählungen, jeweils rund eine Stunde lang. Die eine berichtet über das Synchronisieren von Filmen, davon, wie es ganz am Anfang war und wie es heute abläuft, und daß jene, die dem ausländischen Film ihre deutschen Stimmen geben, keine Sprecher sind, sondern Schauspieler.

Die zweite Erzählung dreht sich um den sogenannten "Korg-Synthesizer", das Anfang der achtziger Jahre produzierte, erste für jedermann erschwingliche Gerät zur Erzeugung elektronischer Töne. Wie eine unförmige, aber trotzdem geliebte Architektur taucht das Gerät immer wieder als uniformer Ausstattungsgegenstand der Musikszene im Bild auf. Mit dem Korg-Synthesizer konnten Töne erzeugt werden, die hörbar synthetisch waren, die sich von ersten Geräuschen, die man noch als Störung empfinden konnte, zu einer heute beherrschenden Technik entwickelten.

Als zweiter Strang tauchen in dem Synthesizer-Beitrag Aussagen über das Verwenden deutscher Texte in der Musik auf. Auch hier geht es um einen Transfer, dem man den Charakter des Unechten nachweisen könnte, genauso wie bei den Arkaden im Hofgarten, bei Goethe im Fernsehen oder den deutschen Stimmen im James-Bond-Film. Doch all das wurde längst in eine neue Wirklichkeit integriert. Aus den "Parts" sind eigene Identitäten geworden, mehr oder weniger originär. Je länger man in der Ausstellung verweilt, um so besser versteht man, wie Kultur entsteht. Einsamer Sieger bleibt der Korg-Synthesizer.

CHRISTOPH BLASE

Kunstverein München, bis 23. November.
Ein zweibändiger Katalog, der unter anderem alle Texte der Interviews enthält, kostet 25 Mark.

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