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Titel: Über Fareed Armalys documenta11 Arbeit
Autor: Peter Weibel (Direktor des ZKM)
Quelle: Donnerstag, 22. August 2002 Stuttgarter Zeitung Nr. 194

 

 

Donnerstag, 22. August 2002 Stuttgarter Zeitung Nr. 194

 

Über Fareed Armalys documenta11 Arbeit
Peter Weibel (Direktor des ZKM)
"Mein Documenta Favorit:.." (Serie der Stuttgarter Zeitung):


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Fareed Armalys Beitrag für die Documenta11 ist sowohl thematisch wie auch strategisch in Hinblick auf das von den Documenta11-Plattformen suggerierte Potenzial signifikant. War es erklärtes Ziel dieser Plattformen, einen Dialog zwischen verschiedenen Orten herzustellen, so ist Armaly einer der wenigen Künstler, die in der Realität von Kassel darauf reagieren. Schon die Bodenzeichnung, die verschiedene Ortsnamen verbindet, weist auf diesen Dialog zwischen den Orten hin. Ebenso auf ein Problemfeld, wo es schwierig ist, eine Position zu beziehen, weil die Ortskenntnisse und die geschichtlichen Kenntnisse zu gering sind. Einerseits bezieht Armaly durch den Filmemacher Rashid Masharawi eine repräsentative Position aus Ramallah mit ein, andererseits verweist er auf eine Landkarte, die für die meisten eine terra inkognita ist, eine fiktive Landkarte. Der architektonische Raum wurde durch mediale Korrespondenzen hergestellt, wie es auch in der Wirklichkeit der Fall ist, wo die Medien den Konfliktraum Israel-Palästina herstellen und den realen Raum überlagern. Eine Website, Filme, Videos, Fotografien, Landkarten und Wandtexte dienen daher als die Medien, um von verschiedenen Perspektiven die Darstellung des problematischen Territoriums in den Massenmedien darzustellen. Es wird dadurch die Funktion eines diasporischen Raums und der Rolle repräsentativer Medienpolitik in Hinblick auf palästinensische Flüchtlinge deutlich gemacht. Armaly etablierte somit eine Perspektive zwischen realer Geografie und Stuart Halls Konzept von 'routes converted to roots'. In der differenzierten Anwendung medialer Plattformen gelingt es ihm, ohne ideologische Parteinahme ein differenziertes Bild des Problemfeldes Israel-Palästina zu liefern. Der Betrachter wird nicht zur Empathie gezwungen, er kann die vom realen Raum und von den Medienräumen angebotenen Optionen und Informationen selbst beurteilen und benützen und durch die routes (Wege) zu den roots (Wurzeln) des Problemfeldes navigieren. In seiner Kritik der Repräsentationspolitik und in seiner medialen Auffächerung handelt es sich bei Fareed Armalys Beitrag um ein zeitgenössisches Werk, das wirklich dem 21. Jahrhundert angehört, das durchdacht und in Bezug auf Post-Kolonialismus, Multikulturalismus, Migration und die daraus resultierende "Politik der Enteignung" sehr engagiert ist -und das in Erinnerung ruft, worauf eine zukünftige Documenta sich begründen könnte.

Peter Weibel (Direktor des ZKM)